BaZ Bericht vom 29.08.2003, Von Martina Wohlthat

 

Ring frei – und noch eins auf die Birne!
BOXEN UND TANZEN: DIE COMPAGNIE BE WILLIE? ZEIGT IN DER KASERNE IHR STüCK «KNOCK-OUT»
 

Tanztheater für fliegende Fäuste. Die Compagnie Be Willie? lässt in der Reithalle der Kaserne die Power raus

Irgendwie haben wir es uns schlimmer vorgestellt. Am Ende fanden wir es sogar ziemlich ästhetisch. Schwitzende, hauende Frauen. Iiiiiiih! Der Berichterstatter von «L’express» aus Neuchâtel fühlte sich unwohl: «Wie eine Ladung Fleisch, die man mir über den Kopf leert.» Mal ehrlich, so sehr kann die Schlagkraft der Compagnie Be Willie? in der Kaserne selbst eingefleischte Tanz- und Theaterästheten nicht erschüttern. Das bisschen Überwindung, das es braucht, lohnt sich.

Der Feminismus ist tot, es lebe die Powerfrau, ruft es uns aus jeder Ecke entgegen. Dass es sich dabei auch um ein doofes Klischee handelt, ist das eine. Dass es deshalb Sinn macht, ein Stück über tanzende und boxende Frauen zu zeigen, ist das andere: Die Choreografin Bea Nichele Wiggli thematisiert mit der Compagnie Be Willie? in pausenlosen sechzig Minuten das Frauenboxen. Zusammen mit der Regisseurin Meret Matter inszeniert sie fünfzehn Runden zwischen den elastischen Gummistrippen eines Boxrings. Hier wird gefightet, ausgezählt und zuletzt mit einem linken Haken die Gegnerin k.o. geschlagen. «Knock-out» entstand als Koproduktion mit den Berner Tanztagen und dem «Roxy». Das Tanztheater für fliegende Fäuste eröffnete nun die Theatersaison in der Kaserne. Die Zuschauer sitzen auf Bänken um den Ring. «Knock-out» erzählt von den Mythen des Boxkampfs.
Einzug der Gladiatorinnen: Die Ring-Speakerin heizt uns ein. In der einen Ecke geht die «rote Tigerin» in Stellung, in der anderen richtet sich das «schwarze Phantom» ein. Zwei Boxerinnen, Marianne Munz und die Schweizer Meisterin im Halbmittelgewicht, Sonja Tuor, haben ihren umjubelten Auftritt.

Beinarbeit

Der Boxkampf in handlichen Portionen ist inszeniert, zeigt unterschiedliche Taktiken. Mal arbeiten sich die Boxerinnen gegenseitig an der Deckung ab, mal schlagen sie frontal zu, mal gehen sie hart an die Frau. Die Schläge sind echt, aber die Ästhetik der schnellen, präzisen Bewegungen überwiegt. Nicht umsonst spricht man im Boxen von tänzelnden Schritten. Die Beinarbeit der Boxerinnen ist unermüdlich, ihre körperliche Kondition beeindruckend. So fit wären wir auch mal gerne.
Geisterhaft umringen die Tänzerinnen der Compagnie Be Willie? die beiden Boxerinnen. Die Tanzsequenzen sind in träumerisches Halbdunkel getaucht. Die Musik wechselt zwischen aufreizend und sanft. Sie steht mitunter in gewolltem Widerspruch zur Dynamik der Bewegungen. Zu soften Gitarrenakkorden steckt eine Tänzerin einen Schlag nach dem anderen ein. Pfeifend geht ihr Atem, wenn sie von einer unsichtbaren Faust zu Boden gestreckt wird.
Erotik knistert und wird bös persifliert, wenn die Girls mit dem Beissschutz provozierend lächeln. Mit ihren Kopfverbänden, hellen Hosen und Lederkorsagen sehen die «Willies» recht verwegen aus. Ihr Tanz bewegt sich zwischen Artistik und Expressivität. Sie schwingen sich gewandt an Stangen durch die Luft, fallen geschickt zu Boden. Im Adrenalinrausch tanzen sie sich die Gefühle aus dem Leib: das Gejagdwerden, die Angstlust, die Monotonie der Schritte, die Hysterie des Sieges. Gewalt, die zum Hinsehen zwingt, auch wenn man manchmal lieber wegsehen würde.

Schlagabtausch

Boxkampf und Tanz vermischen sich. Immer öfter muss die Ringrichterin «Ring frei!» brüllen. Wie Kinder schlagen zwei Tänzerinnen aufeinander los. Und noch eins auf die Birne! Das Publikum quittiert das Handgemenge mit Gelächter. Um sich schlagende Frauen sind offenbar immer noch ein Witz. Beim Boxen wird die Aggression dagegen in ein sportliches Regelwerk kanalisiert. Das sieht auf jeden Fall besser aus. Vielleicht mit ein Grund, warum in Basel in den letzten zehn Jahren zwischen dreihundert und fünfhundert Frauen angefangen haben sollen zu boxen. Der Abend bringt es fertig, dass man zu verstehen beginnt, was es heissen könnte, solche körperlichen Kräfte zu haben und sie im Bruchteil einer Sekunde explodieren zu lassen. Respekt.