Wer einem Boxkampf zuschaut, erlebt die

mörderische Kindheit der menschlichen Rasse.

 

 

eine Produktion in Zusammenarbeit mit Cîrqu'enflex und dem Boxclub Basel

in Koproduktion mit den Berner Tanztagen und dem

Theater Roxy Birsfelden

 


 

Als ich vor Jahren den Dokumentarfilm über den Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman in Zaire gesehen habe, bekam ich zum ersten Mal ein anderes Bild vom Boxen. Ich war begeistert zu sehen, wie Ali diesen „Sport“ und im Speziellen diesen Kampf mit Politik verband, wie er, eigentlich chancenlos,  an etwas glaubte, wie locker er dennoch trainierte, wie er sogar Boxen mit Humor verband und wie clever und strategisch genial er den kräftemässig völlig überlegenen George Foreman schlug. Diese Bilder und Emotionen sind so stark hängengeblieben, dass ich anfing, mich intensiver mit Boxen auseinander-zusetzen weil mir dieses Thema mit all seinen Facetten ideal erschien, eine Tanzproduktion darüber zu machen.

Bea Nichele-Wiggli

 

Inhaltsverzeichnis

 

1            Stückaufbau

2            Bühnensituation

3            Vorbereitungen

4            Umsetzung

5            Frauen und Boxen

6            Themen zum Boxen :              6.1   Das Leben

6.2      Die Welt

6.3      Der Zuschauer

6.4      Der Ringrichter

6.5      Die Zeit / Der Ring

6.6      Der Gegner

6.7      Sport

6.8      Kunst / Bühne

 

7            Lebensläufe

8            Zeitplan

 

 

 

 

 

 

 

Quelle : Joyce Carol Oates: „über Boxen“

Manesse Verlag ISBN 3-7175-8120-1,

bezeichnet mit JCO

 

 

1           Stückaufbau

 

Das Stück hat denselben zeitlichen Aufbau wie ein Boxkampf der Schwergewicht-weltmeisterschaft. Es werden 15 Runden à je 3 Min. mit dem Gong eingeleitet und beendet, in denen die Tänzerinnen und Artistinnen Szenen, Choreos und Bilder zum überaus vielseitigen Thema Boxen zeigen. Jede dieser Drei-Minuten-Runden unterliegt einem Thema, zu welchem durch Improvisationen Bewegungsabläufe und Szenen entstehen (siehe Umsetzung). Die Tänzerinnen werden im Verlauf des Stücks nicht als Figuren, die einer Geschichte dienen, erkennbar, sondern sie werden in jedem Thema ein Teil der Umsetzung sein. Auch die Themenblöcke können jeder für sich alleine stehen, werden also nicht weiterführend sein, sondern den Zuschauer in immer wieder andere Bereiche des Boxens führen.

 

Zwischen den Runden gibt es jeweils eine Minute Pause. In diesen „Pausenminuten“ werden zwei „echte“ Boxerinnen kämpfen. Diese jedoch befinden sich unweigerlich immer wieder im selben „Stück“ , dessen Dramaturgie „nur“ der Kampf ist, der unbarmherzig weitergeht, Runde für Runde, und nur sie können auf den Verlauf Einfluss nehmen.

 

Die Schauspielerin wird in diesen Teilen und auch in den Pausen aktiv sein. Sie ist mit einem Head-set-Funkmikrofon versehen und wird mit Texten die Szenen begleiten und kommentieren. Sie wird also auch in die Rolle von Sport-Kommentatoren und in die, an Wichtigkeit nicht zu unterschätzende Aufgabe des Ringrichters schlüpfen (siehe Der Ringrichter).

 

Diese gewählte, sehr starre Struktur eines Boxmatches mit dem ständigen Wechsel zwischen gespielten Szenen und dem Kampf kann einerseits sehr spannend sein, denn sie kann aufwühlen, sie kann nerven, sie wird Emotionen wachrufen. Andererseits darf sie natürlich nicht so starr sein, dass sie das Ganze in einen langweiligen Trott entführt. Ich werde mir deshalb vorbehalten, wenn nötig die Anzahl und Dauer der Szenen und Kämpfe anzupassen, zu verschieben, überlappungen, Rückblendungen und szenische übergänge einzubauen und die fixe Zeitvorgabe aufzulösen, um einen dramaturgisch packenden Ablauf zu erhalten.

 

 

Vor und nach dem Match werden ein szenischer Pro- und Epilog platziert sein.

Prolog: Wenn der Zuschauer den Raum betritt, werden die Tänzerinnen schon auf der Bühne sein. Sie bereiten sich auf einen Kampf vor; sie lockern sich auf, sie werden gewogen, vom Arzt auf Knochenbrüche untersucht, sie versuchen sich zu konzentrieren, sie machen sich Mut, sie stellen sich auf den Gegner ein. Der Zuschauer begegnet also auf der Bühne der Garderobensituation vor einem Boxkampf. Die Spannung steigt, denn der Beginn des Kampfes rückt näher, die Boxerinnen werden angekündigt, sie hören also ihre Namen, das Jubeln der Zuschauer, atmen noch einmal tief durch und gehen los. In diesem Moment betreten die echten Boxerinnen den Raum, eine nach der anderen, jede mit ihrer eigenen Musik, von den Tänzerinnen, die zum anfeuernden Publikum gewechselt haben, in den Ring begleitet und durch die Spannung bis zum ersten Gongschlag unterstützt.

 

Epilog: Der Epilog handelt von der Zeit nach dem letzten Gongschlag, vom Feiern eines Sieges und vom Ertragen einer Niederlage, von der Umarmung des Gegners, vom Wahrnehmen des Publikums, vom Abgang aus dem Ring und vom verarzten der Wunden. All diese physischen und seelischen Zustände kann der Zuschauer noch miterleben und, als zum Boxen zugehörig, in die Bilderflut der letzten Stunde einbauen.

 

Durch den gewählten Stückaufbau wird schon die Zusammensetzung  und die Grundstimmung des Publikums kontrovers sein. Sie besteht einerseits aus kulturell interessiertem Tanz- und Theaterpublikum, welches, wie oben schon beschrieben, mit Boxen und somit mit einem ungewohnten Energiedruck, d.h. neuen Strukturen und Spielregeln von der Bühne her konfrontiert wird, andererseits aus einem Boxkampfpublikum, welches sich eine künstlerische Umsetzung seines Sports ansehen kann. Aufgrund dieser Mischung soll das Publikum nicht passiv und voyeuristisch bleiben, es soll auch emotional teilhaben können (siehe Der Zuschauer).

 

 

 

Im Juni 1992 wurde im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich ein Boxmatch in Verbindung mit einer Party veranstaltet. Dazu aus einem Zeitungsartikel:

 

„Der Boxring wurde aus dem Zentrum gerollt,..., und wenig später war das Boxkampfpublikum zum gewohnten Tanzpublikum mutiert. Im Restaurant der Gessnerallee wurde derweil über das Erlebte philosophiert. Man bekannte da und dort, sich in der Rolle des atemlosen Zuschauers ertappt zu haben, wo doch zwei Männer nichts als Prügel füreinander übrig hatten.“ (NZZ 29.6.92)

 

 

2           Bühnensituation

 

An den Aufbau eines Boxrings angelehnt, wird die Bühne ein Quadrat von 7m x 7m sein. Darauf befindet sich ein Gerüst aus Stangen, das an den Ecken durch vier hochkantige Würfel begrenzt ist. Diese Würfel bilden jeder für sich einen Raum.

 

Durch ihre Verbindung an den oberen Kanten und durch Seile auf verschiedenen Höhen begrenzen sie zusätzlich einen quadratischen Innenraum, den eigentlichen Boxring. Dieser bildet eine klare Zone, in der andere Spielregeln gelten als ausserhalb der Seile.

 

 

Betrachtet man die Sache abstrakt, so ist der Ring eine Art Altar, einer dieser legendären Orte, an dem die Gesetze des Staates aufgehoben sind; Innerhalb des Rings, im Laufe einer offiziellen Drei-Minuten-Runde, ist es möglich, dass ein Mann von seinem Gegner getötet wird, aber ermordet wird er nicht. Was sich im Ring abspielt, geschieht  wie in einem jener alten Heiligtümer, die vor jeder Zivilisation existierten oder die es gab, bevor Gott als Liebe begriffen wurde. (JCO)

 

Wie bei einem Boxkampf wird das Publikum ganz rund um die Bühne platziert werden. Es wird also kein Vorne oder Hinten geben, sondern es wird rundum gespielt.

 

 

3           Vorbereitung

 

Die Vorbereitungen für dieses Projekt laufen schon seit November 2001 (siehe Zeitplan). Dazu gehören Recherchen zum Thema Boxen (eine unendlich vielseitige und fast unerschöpfliche Literatur steht zur Verfügung), das Suchen und Anschauen von Filmen über Boxen, Frauenboxen, Boxtrainings etc., das Aufstöbern von alten Tonaufnahmen und das Erstellen von neuen Tonaufnahmen in Boxtrainings und an Boxmatches, Diskussionsrunden in der Compagnie und im Boxclub, Casten von Boxerinnen und das Erstellen des Dossiers.

Ab dem 8. Mai 2002 absolvieren alle Tänzerinnen/Artistinnen während 8 Wochen den Box-Einführungskurs im box-club Basel. Das gibt uns die Grundlage, um auf dem korrekten Box-Bewegungsmaterial aufzubauen und damit zu spielen (siehe Umsetzung).

 

 

4           Umsetzung

 

Choreographien mit neuer Sprache

 

Wenn ich als Tänzerin und Choreographin ein Boxtraining mitmache oder mir einen Boxmatch ansehe, dann öffnet sich mir ein Bewegungsrepertoire, das ich vom Tanz her nicht kenne. Ich brauche meinen Körper auf andere extreme Weise als beim Tanz oder in der Artistik: das schnelle, andauernde „Tänzeln“ an Ort, im Kreis, vorwärts, rückwärts, immer von einem Bein auf’s andere, unermüdlich, unaufhörlich, dieses „Wachsein“, welches im Boxen immer mit „In-Bewegung-sein“ übersetzt wird, immer bereit, mit dem ganzen Körper blitzschnell zur Seite zu weichen oder sofort nach vorne zu starten, um anzugreifen, die ganze Beinarbeit zum Einen ist neu. Dazu kommen die vielen verschiedenen Armbewegungen und Haltungen, das schnelle Ausstossen der Arme, das Auslösen dieser Bewegungen aus der Hüfte, rechts – links – rechts - rechts, in verschiedenen Kombinationen, die Haltung der Arme in Abwehrstellung, all dies erweitert meine Tanzsprache enorm und inspiriert zu vielen neuen Choreographien.

Schon die Tatsache, dass Begriffe wie Angreifen, Zuschlagen, Verteidigen, Abwehren dazukommen und die Kommunikationsebene zwischen zwei Tänzerinnen der Kampfdialog ist, führt uns in ein gänzlich neues Gebiet.

 

 

Spielen mit Bewegungsmaterial

 

Ich stelle meinen Tänzerinnen neues Bewegungsinventar vor und bitte sie, auf dieses Material zu reagieren, neue Interpretationen hinzuzufügen, damit zu spielen, dazu Stellung zu nehmen und es zu erweitern. Es entstehen so neue Formen und Ableitungen, die meine Vorgaben erweitern, bereichern und sehr persönlich werden können. Dadurch, dass das ganze Ensemble über ein Jahr hinweg regelmässig mit den Boxerinnen mittrainiert (siehe Vorbereitung), wird sich unser Bewegungsmaterial automatisch verändern. Es soll nicht nur ergänzt werden, sondern auch eine neue Haltung bekommen und unsere Tanzsprache erweitern und neugestalten.

 

Improvisationen zu Themen

 

Das Ensemble wird zu verschiedene Themen im Zusammenhang mit Boxen (siehe Themen zum Boxen), zu Bildern aus Büchern und Zeitschriften, zu Zitaten und Aussagen diskutieren und improvisieren, wir sehen uns Filme an und verarbeiten das dazu entstandene Material zu Szenen, Bildern und Bewegungen.

Ich stelle Fragen, gebe Aufgaben und übungen vor, um herauszufinden, wie wir uns in verschiedenen Lebenssituationen im Vergleich zum Boxen verhalten; wo schlagen wir uns bis zum Schluss durch, wann nehmen wir ein k.o. in Kauf, wann stellen wir uns dem Kampf nicht, weshalb akzeptieren wir viele Verletzungen, um ein Ziel zu erreichen, wann brauchen wir Gegner, wann und wie können wir ihnen in die Augen sehen, wie gehen wir mit ablaufender Zeit um, mit Auszeit und mit Zwischenzeit.

 

 

 

Texte

 

Die Schauspielerin wird in allen Proben mit dabei sein und mit Texten die Szenen begleiten, Stimmungen untermalen oder brechen und so durch ständiges Ausprobieren ihren Platz und ihre Einsätze finden.

 

 

 

Benutzen des Bühnenbildes

 

Durch die Verbindung der vier Kuben mit den Stangen und Seilen entstehen viele verschiedene Spielräume: Die Kuben selbst, die Gänge, welche die Kuben verbinden, der Boxring, der durch Gänge und Seile begrenzt wird und die Stangen selbst, die auf jeder Höhe, bis ganz zuoberst bespielt werden können. Alle diese Räume können durch die Beleuchtung von den andern isoliert werden, können von Aussenraum zu Innenraum wechseln und sich in viele verschiedene bildliche Orte verwandeln, wie z.B. Garderobe, Strasse, Büro, oder auch in abstrakte Räume wie z.B. Raum des Gegners, neutrale Zone, Clinch-Zone... Da das Ensemble auch eine grosse Erfahrung im artistischen Bereich aufweist, bietet uns dieses Bühnenbild die Möglichkeit, Szenen zu verdoppeln, übereinander zu spielen und zu tanzen, aus dem Bild zu verschwinden, ohne wirklich abzugehen und artistische Umsetzungen der Themen mit einzubeziehen.

 

5           Frauen und Boxen

 

Der Machismo des Boxens kann als der Gegenpol des Weiblichen gesehen werden, als die Verneinung des Weiblichen im Mann, und er hat für alle Männer, mögen sie noch so zivilisiert sein, eine Art zweideutige Attraktivität. Er ist ein Rest aus einer anderen, früheren Zeit, in der das Körperliche an erster Stelle stand und seinen Ausdruck in der Männlichkeit des Kriegers fand. Hier definiert sich Männlichkeit als strikteste Hierarchie – zwei Männer können nicht zur gleichen Zeit den gleichen Platz einnehmen.

 

Der Gegner ist immer ein Mann, der Gegner ist der Rivale der eigenen Männlichkeit. Von daher also der charakteristische weibliche Widerwille gegen das Boxen an sich, der sich mit einem intensiven Interesse und der Neugier verbündet, was Männer daran so fasziniert. Männer, die Männer bekämpfen, um sich ihren Wert zu bestätigen, grenzen Frauen so vollständig aus, wie die weibliche Erfahrung des Gebärens Männer ausschliesst. Gibt es vielleicht einen Zusammenhang? (Joyce Carol Oates)

 

 

Diese ursprünglichen Tatsachen und Fragen sind ein Teil des Antriebs, um mit Frauen ein Stück über Boxen zu machen, um zu erforschen, woher dieser anscheinend so grosse Unterschied zwischen Mann und Fau, zwischen Männlichem und Weiblichem im Bezug auf den Kampf (die Wut, all das Männliche im Boxen) kommt. Auf jeden Fall hält man unverstellte Aggressivität für typisch männlich, das hegende Element für typisch weiblich.

 

 

 

Eine Frau, die boxt, passt nicht in dieses Stereotyp und kann nicht ernst genommen werden – sie ist eine Parodie, ein Witz, sie ist monströs. Stünde sie für eine Ideologie, wäre es die des Feminismus. (JCO)

 

Vorurteile gegenüber dem Frauenboxen gibt es zuhauf. Es gilt als aggressiv, nicht „ladylike“, verroht und hirnlos. Ausserdem wird immer wieder behauptet, das weibliche Geschlecht könne im Ring keine so harten Schläge einstecken und austeilen wie das männliche.

„Alles falsch“, sagt Angelo Gallina (33) Psychologe und Damentrainer des Boxclubs Basel. „Frauen können viel besser an ihre Schmerzgrenze gehen. Zudem sind sie zäher, beweglicher und aufnahmefähiger als Männer.“ Gallina weiss, wovon er spricht. Schliesslich blickt er auf sechs Jahre als Ausbildner im Boxclub und an der Universität in Basel zurück.

(Ein Bericht aus: Gesundheit Sprechstunde)

 

Oder gibt es andere Beweggründe ?

 

 

Es gab schon immer das Interesse der Frauen am Boxsport. Einige waren schon Anfangs letzten Jahrhunderts aktiv, im Versteckten oder als Belustigung auf Jahrmärkten, da es Verbote für Frauen gab, Boxen auszuüben oder sogar es sich anzusehen. Frauen mussten sich also über lange Zeit damit zufrieden geben, die mutigen Kämpfer zu bewundern. Mit der Gleichberechtigungsbewegung in den 60-er Jahren wurde auch der Drang grösser, aktiv an Kämpfen teilzunehmen.

 

 

Sie wollten erfahren, was für ein Gefühl das ist, mit der eigenen Faust eine gewisse Macht und Gefährlichkeit auf sich zu tragen, seinen Körper völlig unter Kontrolle zu haben und dann in Bruchteilen von Sekunden explodieren zu lassen, einem Gegner gegenüber zu stehen und kein Zurück zur Wahl zu haben, die Muskeln wie den Kreislauf bis an die Schmerzgrenzen zu treiben und topfit zu sein. (www.boxclub-basel.ch)

 

An diesem Punkt setze ich an; ich wende mich dem Boxsport mit all seinen psychischen und physischen Momenten und Abläufen zu, betrachte die Tatsache, dass Frauen boxen als Voraussetzung und nehme all die Abhandlungen aus feministischer Sichtweise zur Kenntnis, lasse sie aber in der konkreten Arbeit weg. Natürlich komme ich nicht darum herum, auch immer wieder mit der Männerwelt zu vergleichen, aber das soll erst zweitrangig sein.

 

 

6           Themen zum Boxen :         6.1   Das Leben

6.2      Die Welt

6.3      Der Zuschauer

6.4      Der Ringrichter

6.5      Die Zeit / Der Ring

6.6      Der Gegner

6.7      Sport

                                                               6.8   Kunst / Bühne          

 

 

 

Quelle : Joyce Carol Oates: „über Boxen“

Manesse Verlag ISBN 3-7175-8120-1,

bezeichnet mit JCO

 

6.1   Das Leben

 

Das Leben als Metapher für das Boxen wäre eine mögliche Vorstellung – Metapher für einen dieser Kämpfe, die nicht enden wollen. Runde folgt auf Runde, Stösse, verfehlte Schläge, Clinch, keine Durchbrüche, wieder und wieder der Gong, wieder und wieder der Gegner, der dir so gleicht, dass du die Augen nicht davor verschliessen kannst, dass du selbst dein Gegner bist; Und warum dieser Kampf auf erhobener Plattform, von Seilen eingeschlossen wie in einem Pferch, unter heissem, brutalem, mitleidlosem Scheinwerferlicht, im Angesicht einer ungeduldigen Menge?

Diese Art von höllischer Metapher – es wäre vorstellbar.

 

Boxen hat grundsätzlich nichts Spielerisches, nichts Helles, nichts Gefälliges an sich. In seinen intensivsten Momenten ist es ein so ungebrochenes und so machtvolles Bild des Lebens – seiner Schönheit, seiner Verletzlichkeit und Verzweiflung, seines unberechenbaren und oft selbstzerstörerischen Muts, dass es das Leben selbst ist und kaum ein blosser Sport. (JCO)

 

 

An dieser Stelle drängt sich auch der Vergleich mit dem Tanz und vor allem mit dem Zirkus auf. Boxen und Zirkus haben ein Stück ihrer Entwicklung gemeinsam gemacht; Anfangs letzten Jahrhunderts waren Boxer und Boxerinnen auf dem Jahrmarkt anzutreffen und sorgten zusammen mit Artisten und Gauklern für Spannung, Belustigung und Unterhaltung eines gemeinsamen Publikums, dem sie als Projektionsfläche für nicht auslebbare Gefühle und Aggressionen dienten.

 

 

Viele Gründe sprechen dafür, dass sich Boxer gegenseitig bekämpfen, weil ihnen die wirklichen Gegner, auf die sich ihre Wut richtet, nicht zugänglich sind. Wenn Boxer also gemeinhin voller Wut sind, müsste man schon sehr naiv sein, um nicht zu sehen, warum. In den meisten Fällen gehören sie zu den Entrechteten unserer Wohlstandsgesellschaft. Man schätzt, dass etwa 99 Prozent der Boxer aus ärmlichen Verhältnissen kommen. (JCO)

 

 

Boxen hat vielen und vor allem farbigen Männern die Möglichkeit geboten, auch ohne Schulbildung Geld zu verdienen, meistens mehr, als mit manch anderem schlechten Job, und ihnen einen sozialen Aufstieg ermöglicht. Sie nahmen dafür oft körperliche Schäden in Kauf und hatten meist Mühe, am „richtigen“ Punkt ihrer Karriere auszusteigen.

 

 

Im Ring gibt es keine „Normalität“. Sie wäre unerträglich, zutiefst beschämend. Ein „normaler“ Mensch hat mit allen lebenden Wesen etwas gemeinsam: den Selbsterhaltungstrieb. Der Boxer muss irgendwie lernen, seinen überlebensinstinkt zu überwinden. Die erste und wichtigste Regel des Rings – sich immer zu verteidigen – ist sowohl eine Parodie auf das Leben wie seine Quintessenz.

Boxen mag ein Mittel sein, sich selbst in grausamer Weise anzugreifen, aber unmittelbar ist es der Weg, das eigene Schicksal zu überwinden. (JCO)

 

 

Nicht nur der Kampf, auch das Trainieren kann den Körper, den Geist und das Selbstwertgefühl stärken und einen Lebens-Rhythmus geben. In diesen Punkten sind sich TänzerInnen und BoxerInnen enorm ähnlich. Für beide kann es zur Sucht werden, den eigenen Körper immer wieder an Grenzen zu führen.

Auch sind Tanzauftritte mit Boxkämpfen vergleichbar. Ich habe mir mit meinen Tänzerinnen Boxkämpfe angesehen und höre danach eine von ihnen mit einem der Boxer diskutieren; wie war das Gefühl davor, die Ruhe im Kopf, die Nervosität im Körper, die Präsenz während der Ausführung, den Kopf in jeder Sekunde voll mit dabei und die Entspannung dannach, zufrieden oder unzufrieden. Man hätte nicht sagen können, sind das Tänzer und Tänzerin oder Boxer und Boxerin.

 

 

6.2   Die Welt

 

Der Boxkampf spiegelt die kollektive menschliche Aggressivität, diesen sich durch die Geschichte ziehenden Wahnsinn, der ohne Ende ist, und dieses Bild erschreckt, eben weil es so stilisiert ist.

So scheitert der Einwand, dass der Mensch seinen Mitmenschen vielleicht auch ohne den Umweg über die gewalttätigen Rituale des Wettkampfs lieben könne, daran, dass er die grösste menschliche Eigenschaft ausser Acht lässt – die Faszination durch den Krieg, nicht durch die Liebe zum Frieden. Liebe steht, wenn schon, an zweiter Stelle. (JCO)

 

 

Nachdem ich die ersten Boxkämpfe live gesehen habe, ist mir das Bild des Clinch am stärksten hängengeblieben. Die beiden muskulösen Männer, kraftvoll und ständig bereit zuzuschlagen, die sich in einer fast zärtlich anmutenden Umarmung ausruhen. Sie hängen dem Gegner buchstäblich in den Armen, sind ihm so nah, dass es für sie ungefährlich ist und oft sah es so aus, als hofften sie, diese Umarmung wäre unendlich. Es war der Ringrichter, der sie jeweils wieder trennte.

 

 

Die Sprache des Boxens verstärkt den Eindruck, dass es sich in einer patriachalischen Welt abspielt, in der Adoleszenten den Ton angeben. Es ist eine junge Welt, die sich nur um die Jugend dreht. (JCO)

 

 

Ein 35 Jahre alter Boxer ist alt, er hat also im Ring eigentlich nichts mehr zu suchen (in der Schweiz gibt es eine Alterslimite von 35 Jahren fürs Berufsboxen). Jedoch sind ehemalige gute Boxer oft weiterhin als Trainer tätig oder überleben ihre Zeit in den Box-Clubs als Ikonen und werden geschätzt und verehrt.

 

 

In dieser Welt stehen wir wie vor einem Spiegel, Werte sind in ihr Gegenteil verkehrt, umgedreht. Ein Boxer wird nicht seiner Menschlichkeit wegen geschätzt, sondern seiner Killerqualitäten wegen, dafür, dass er „rücksichtslos“ ist, ein „Schläger“, ein „Tier“, dafür, dass er „unbezähmbar“, „erbarmungslos“ und „zerstörerisch“ ist, „wild“, „gemein“, „mörderisch“. Der Gegner wird nicht wie im übrigen Sport einfach besiegt, sondern „überrollt“, „kaltgemacht“, „gelähmt“, „bestraft“, „niedergemäht“, „zerstört“ und „vernichtet“. (JCO)

 

 

6.3   Der Zuschauer

 

Wenn der Boxer halbnackt den Ring betritt und sein Leben aufs Spiel setzt, macht er seine Zuschauer zu Voyeuren: Boxen ist unsagbar intim. (JCO)

 

Auch Tanz ist voyeuristisch, denn auch hier ist der Mensch mit seinem ganzen Körper im Einsatz, gibt sein äusserstes und lässt den Zuschauer tief in seine Seele schauen, um seinen Blick zu fesseln.

Durch den gewählten Stückaufbau wird er also durch ein Wechselspiel der Gefühle geführt. Er wird sich „echtes“ Boxen ansehen und Boxschläge hören. Ist er ein ungeübter Boxkampf-Zuschauer, so werden ihm diese Sequenzen nicht nur barbarisch, sondern schlichtweg wahnsinnig erscheinen, denn eindeutig ist das, wofür Boxen steht, für viele Menschen abstossend, weil es sich dem, was wir über den zivilisierten Menschen denken, nicht einfügen lässt:

In einer Gesellschaft, die von der Technik geprägt ist und über unzählige, aufs Höchste entwickelte Methoden der Massenvernichtung verfügt, ist die direkte, ungezähmte und scheinbar natürliche Vorführung von Aggression zu deutlich, als dass sie toleriert werden  könnte.

 

 

Wessen Aggression maskiert, versteckt oder vergeblich ist, wird sie in anderen immer verdammen. Dann geschieht es, dass man Boxen als primitiv empfindet.

 

 

Im Ring ist der Tod, selbst in unserer sehr viel humaneren Zeit, immer gegenwärtig – weshalb manche Zuschauer es vorziehen, sich Kämpfe im Film oder als Video anzusehen, wenn sie vorbei sind, Geschichte geworden sind oder, in manchen Fällen, Kunst.

Der erfahrene Zuschauer aber beginnt, die komplexen Muster zu sehen, die hinter diesem Wahnsinn stehen. Was wie ein absolut konfuses Durcheinander aussieht, kann begriffen werden und entpuppt sich dann als zusammenhängend und intelligent, oft inspiriert. Sogar ein Zuschauer, der Gewalt im Prinzip ablehnt, kann soweit kommen, einen Boxkampf zu bewundern, wenn er technisch sehr gut ist, und zwar jenseits aller „vernünftigen“ Grenzen.

 

 

Wer einem Boxkampf zuschaut, erlebt die mörderische Kindheit der menschlichen Rasse.

 

 

Das erklärt die barbarische Wut, die Zuschauer von Boxkämpfen manchmal packt, und es erklärt die Erregung, die aufkommt, wenn einer der Boxer anfängt, stark zu bluten.

Anderen zuschauen, wie sie miteinander kämpfen und sich töten, scheint ein angeborener Instinkt zu sein. Es ist faszinierend zu sehen, wie unwiderstehlich der Drang zu kämpfen bei manchen Menschen ist und wie gleichermassen unwiderstehlich das Bedürfnis anderer zu sein scheint, Zeugen eines solchen Kampfes zu sein. (JCO)

 

 

An einem Boxkampf sitzt neben mir ein älteres Paar, er in Schale, sie in Abend-garderobe, sie könnten auch so in der Oper sitzen. Sie gestehen etwas scheu, dass sie sich immer wieder gerne Boxkämpfe ansehen.

 

Wenn ein Fan beim Boxkampf schreit:“Bring ihn um“, verhält er sich keineswegs in irgendeiner individuellen Weise merkwürdig, er demonstriert vielmehr damit, dass er ein Teil der Menschheit ist, ein Teil seiner eigenen, wenn auch sehr fernen Vergangenheit. (JCO)

 

 

Was dem Fan natürlich hilft, seine Gedanken rauszuschreien, ist das Bewusstsein, einem Kampf mit sehr strikten Spielregeln zuzuschauen. Der ganze Ablauf ist somit stark strukturiert und reglementiert. Er kann also in einem gewissen Sinne auch verantwortungslos zusehen und ausrufen.

 

 

In keinem anderen Sport ist die Beziehung zwischen dem, der den Sport ausübt, und dem, der zusieht, so intim, so oft schmerzlich und ungelöst. (JCO)

 

 

Im Tanz wiederum kann der Zuschauer viel distanzierter dem Ablauf auf der Bühne folgen, er kennt seine Spielregeln und muss sich emotional nicht damit beschäftigen, wenn er nicht will. Diese Tatsache ist ein interessanter Ansatz für das geplante Wechselspiel im Stückablauf.

 

6.4  Der Ringrichter

 

Der „dritte Mann im Ring“, ein Unbekannter zumindest für die Menge, wirkt auf die Zuschauer ebenfalls wie ein Zuschauer, ja, sogar wie ein Eindringling. Aber für das Drama „Boxen“ ist er von zentraler Bedeutung. Erst der Ringrichter ermöglicht es uns, überhaupt zuzuschauen. Er steht vermittelnd zwischen uns und dem stattfindenden Kampf. Er ist unser Gewissen, für die Dauer des Kampfes verkörpert er es, so dass wir uns ungestört von moralischen Bedenken dem Geschehen im Ring zuwenden können. Er entscheidet in manchen Fällen über Leben und Tod, denn er kann einen Kampf beenden oder die Erlaubnis geben, weiterzumachen. (JCO)

 

 

 

Der Part des Ringrichters wird in unserem Fall von der Schauspielerin übernommen. Sie wird, nebst einem intensiven Einführungskurs ins Boxen und einem Jahr Boxtraining, auch einen Ringrichter-Kurs bei Angelo Gallina (Boxclub Basel) absolvieren. Sie wird somit als Einzige im ganzen Stück agieren, in den Boxszenen fordert sie nüchtern die Spielregeln und domestiziert den Kampf, in den Tanzszenen ist sie die Zeremoniemeistern, was ein sehr spannender Ansatzpunkt für die Entstehung der Szenen und Bilder ist.

 

 

 

Während das, was man die „Gewalttätigkeit“ des Boxens nennt, häufig von den Zuschauermassen her auf den Ring übergreift, eine Art übersteigertes Massendelirium, haben wir die ganauso häufige Verhinderung von Gewalt und Subtilitäten, die es im Boxen durchaus gibt, dem „dritten Mann im Ring“ zu verdanken, der das Gegengewicht zu der urtümlichen Welle von Emotionen bildet, die gegen die schützenden Seile des Rings brandet. (JCO)

 

 

6.5  Die Zeit / Der Ring

 

Nichts ist so verzweifelt lang, wie eine harte Dreiminutenrunde.

 

 

Die Zeit ist, wie die Möglichkeit im Ring zu sterben, der unsichtbare Gegner, dessen Anwesenheit für die Boxer – wie für die Ringrichter, Sekundanten und Zuschauer – deutlich spürbar ist.

 

 

Wenn der Ringrichter bis Zehn zählt, so ist das eine Art metaphysische Zwischenzeit, in die der Boxer eindringen muss, wenn er nicht aus der Zeit herausfallen will.

 

 

In gewissem Sinne gibt es zwei schroff gegeneinander arbeitende Zeiten:

Der Boxer, der auf den Füssen steht, befindet sich innerhalb der Zeit, der Boxer, der zu Boden geht, ist aus der Zeit gefallen. (JCO)

 

 

 

Szenisch kann ein Darsteller aus der Zeit fallen und in einem anderen Zeitkontinuum weiterfunktionieren. Ich habe also im Theater die Möglichkeit, mit Zeit zu spielen, sie schnell passieren zu lassen, Zeiten gegeneinander laufen zu lassen oder mit Verlangsamung ein Zeitvakuum zu schaffen. Diese beiden Zeitzustände und überhaupt die strenge Form des Drei-Minuten-Wiederholungsrhythmus sind sehr reizvoll. Ich habe angefangen, wie das in den Boxtrainings gemacht wird, auch im Tanztraining und in den Improvisationen mit dem Ensemble immer diese drei Minuten als Zeitrahmen zu benutzen und gemerkt, dass das Gefühl dafür immer stärker wird.

 

 

Innerhalb des Rings läuft die Zeit in eigenartigem Zeitlupentempo ab – Amateurboxer boxen nie mehr als drei Runden, und für die meisten sind diese neun Minuten mehr als genug -, aber ausserhalb des Rings rast die Zeit. Ein dreiundzwanzigjähriger Boxer ist nicht mehr jung, ein Fünfunddreissigjähriger ist alt. Alle Athleten altern schnell, aber keiner so schnell und sichtbar wie ein Boxer. (JCO)

 

 

6.6  Der Gegner

 

Der Boxer trifft in seinem Gegner auf ein altes Menschheitstrauma: auf einen Doppelgänger mit verkehrten Vorzeichen. Die eigene Schwäche, die Möglichkeit zu versagen und ernstlich verletzt zu werden, Fehleinschätzungen während des Kampfes, alles kann als Stärke des andern gesehen werden. Die Parameter des eigenen Selbst werden dann einzig und allein durch die grenzenlose Durchsetzungsfähigkeit dieser anderen Persönlichkeit bestimmt. Das ist ein Traum oder ein Alptraum: meine Kraft ist nicht ganz die meine, sie beruht auf der Schwäche des Gegners; für mein Versagen bin nicht nur ich verantwortlich, der Triumpf des Gegners hat daran teil. (JCO)

 

 

Es ist aufschlussreich zu sehen, wie unterschiedlich die Boxer mit ihrer Niederlage, mit ihrem Scheitern umgehen. In manchen Fällen ist die Situation offensichtlich und klar, wer der Stärkere ist und es ist auch nicht mehr überraschend, dass der Ringrichter die Hand des andern anhebt. Auch für die Verlierer scheint es dann meist richtig, dem andern zu gratulieren, das eigene Versagen zu akzeptieren und die Niederlage noch mit etwas Stolz zu tragen.

Ist die Situation nicht klar und sind die Kämpfer etwa gleich stark, dann ist der Moment, in dem beide wie an den „weissen Mann“ angebunden sind, fast nicht auszuhalten. Zur gleichen Zeit wird der eine zum Sieger und somit der andere zum Verlierer. So nahe sind Auf- und Abstieg beieinander und eigentlich sind beide Boxer an Triumpf und Versagen gleichermassen beteiligt.

 

 

Man erkennt den Boxer mit dem „Killerinstinkt“, wenn die Zuschauermenge als Reaktion auf einen Angriff in einer Welle von Delirium aufspringt, gleichgültig, ob der Gegner der Favorit ist, dem niemand ernstlich wünscht, dass er verletzt wird.

Boxen ist eher eine Sache des Geschlagenwerdens als des Schlagens, und es geht mehr darum, Schmerz auszuhalten, als zu gewinnnen. (JCO)

 

6.7  Sport

 

Sieht man Boxen als Sport, so ist es die tragischste aller Sportarten, denn es zerschleisst die Begabungen, die es hervorbringt, mehr als jede andere menschliche Aktivität – dieser Verschleiss ist ein wahres Drama. (JCO)

 

 

Der Vergleich mit Berufstänzern zwingt sich auf. Oft müssen auch sie mit 35 Jahren oder früher den Beruf aufgeben, weil ihre Körper verschlissen sind, manchmal richtig deformiert.

 

 

Kein Sport ist körperlicher, direkter als Boxen. Kein Sport hat ein so starkes homoerotisches Appeal: die Konfrontation im Ring – die Entkleidung – der schweissüberströmt hitzige Kampf, der Tanz, die Werbung, Vereinigung, alles in einem.

Diese erotische Spielart, in der ein Mann den anderen in einer Zurschaustellung überlegener Stärke und Willenskraft überwältigt, trägt sicherlich sehr zur Attraktivität dieses Kampfsportes bei. (JCO)

 

 

In diesem Sinne hat Boxen sehr viel mit dem Tanz gemeinsam, dieses rein Körperliche, den Kampf mit z.B. der Schwerkraft oder mit dem eigenen Körper, diese mit nichts zu vertuschende Ehrlichkeit der Bewegung, die schwitzenden Körper, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen oder gemischt, sind oft nur schon durch ihre Präsenz und durch ihr Zusammenspiel erotisch und berühren den Zuschauer tief.

 

 

Dass Boxen die umstrittenste Sportart in Amerika ist, immer in Gefahr, von der Bühne zu verschwinden, hat nichts daran geändert, dass es ein Millionengeschäft ist.

 

Boxen verlangt häufig ein sehr komplexes und sehr differenziertes Können und kann somit ein äusserst zivilisierter Sport sein. Das Kämpfen aber gehört einer unzivilisierten Zeit an. In ihm kommt ein Instinkt zum Vorschein, der nicht nur auf Verteidigung aus ist, sondern, der den anderen angreifen und in vollständige Unterwerfung zwingen will. (JCO)

 

 

6.8  Kunst / Bühne

 

Jeder Boxkampf ist eine Geschichte – ein einzigartiges und bis zum äussersten verdichtetes Drama ohne Worte. Vielleicht geschieht nichts Sensationelles: Dann ist das Drama rein psychologischer Natur. Boxer setzen eine Art absoluter Erfahrung in die Welt, die öffentliche Darstellung äusserster Grenzen. Das heisst aber nicht, dass der Boxkampf keinen Text oder keine Sprache besitzt, dass er „roh“, „primitiv“ oder „unartikuliert“ ist; nur entsteht der Text in Aktion, seine Sprache ist ein höchst kunstvoller Dialog zwischen den beiden Boxern, ein Dialog der Reflexe, der sich in Sekundenbruchteilen abspielt. (JCO)

 

 

Man könnte dies auch als höchste Form von Improvisation bezeichnen. Der Kopf ist weitgehend ausgeschalten und die spontane Reaktion ist gefragt, es kann nichts geplant sein, man muss sich voll auf den Gegner einlassen, auf ihn reagieren, seine Aktionen annehmen und damit umgehen.

 

 

Man kann Boxer mit Tänzern vergleichen: beide „sind“ Körper und nichts anderes.

 

Was das Training anbelangt, gibt es eine gewisse, wenn auch indirekte und einseitige Verwandtschaft zwischen dem Künstler und dem Boxer. Es ist dieselbe fanatische Unterwerfung der eigenen Persönlichkeit unter ein selbstgewähltes Schicksal.

 

Kommentatoren des Boxsports versuchen, das wortlose  Schauspiel in eine erzählerische Einheit zu fassen, aber Boxen steht eindeutig dem Tanz oder der Musik näher als der Erzählkunst. (JCO)

 

 

Wie schon erwähnt, haben Boxen und Zirkus eine gemeinsame Vergangenheit und stehen sich daher auch sehr nahe, vielleicht noch näher als Boxen dem Tanz steht.

Vergleicht man nur schon den Bühnenaufbau des Boxens, den „Ring“ mit dem des Zirkus, dem „Kreis“ oder „Cirque“, so liegt die Verwandtschaft auf der Hand. Betrachtet man, was auf den jeweiligen Bühnen geboten wird, so findet man auf beiden Menschen, die sich einer „Körper-Kunst“ verschrieben haben, welche sie auf die äusserste Spitze treiben, immer damit beschäftigt, noch besser oder sogar die Besten zu sein, um sich dann auf einer Plattform, ringsumschlossen von bewunderndem Publikum zu präsentieren und das Geübte vorzuführen.

 

 

 

 

 

7           Lebensläufe

 

 

 

Bea Nichele Wiggli geb. 1967 in Basel

 

1987 - 90     Ausbildung am CH-Tanztheater in Zürich

 

1992            Freilichtspektakel COMIKAZE, Tournee in CH und Weihnachtscircus in München am Tollwood - Festival

 

1994-96       CÎRQU'ENFLEX "Wenn man in einnen Bach pisst, weint die Muttergottes", Tournee in CH, D, F

 

1997            CÎRQU'ENFLEX "Zoom", Tournee in F, CH, D

 

1998/99/00  CÎRQU'ENFLEX Freilichtspektakel "Der Mann der Tochter meiner Geliebten",         Tournee in CH, D, F

 

1999                    Idee und Choreographie für "Carmen oder bin ich das Arschloch der achtziger Jahre" ein artistisches Tanztheater der COMPAGNIE BE WILLIE?  (Regie: Tom Ryser)

 

2000                    Choreografin für "OUTLANDER, Fremdgehen mit Kleist", einer Produktion von GENDERTAINMENT für das Theater Basel  (Regie: Tom Ryser)                   

 

CH-Tournee mit "Carmen oder bin ich..."

 

2001                    CÎRQU’ENFLEX „Gefährliche Spiele“, Tournee in CH, D

 

2002                    Regie und Choreografie für „cirquenflex.homme“, Tournee in CH

 

 

 

Anet Töngi Schmassmann geb. 1967 in Basel

 

1985- 88      Gymnastikschule Team 70

 

1989            Schulungsaufenthalt in London, Akrobatik und Tanzunterricht bei Eugen Bella

 

1990            „Die Jagd“, eigene Produktion in Zusammenarbeit mit Christine Bannwart, R. Treier und H. Tobler

                   Aufführungen in der Kuppel, Kaserne und im Kulturbüro Basel

 

1991            SCHLOTTERCIRCUS I im Schlotterbeck Basel

                   weitere Schulungsaufenthalte bei E. Bella in London

 

1992            SCHLOTTERCIRCUS II, Kasernenareal Basel

                   Auftritte in London, Brixton Academy

                   Tanz- und Akrobatikshow im Dome, Berlin

 

1993            Engagement als Akrobatin in der Oper „Il turco in Italia“ in Lausanne mit dem ZAP-Ensemble Basel

                   Show mit Christine Bannwart anlässlich „Bellissimo I“ im Bell Areal Basel

 

1995            Engagement am Glastenbury Openair Festival GB

                   Show mit Christine Bannwart und der Gruppe „Gold“ (H.Tobler und L.Müller) anlässlich „Bellissimo II“ Art 95 Basel

 

1999/00       COMPAGNIE BE WILLIE? „Carmen oder...“

 

 

 

 

 

Catherine Rutishauser  geb. 1963 in Basel

 

1986 - 92     verschiedene artistische Projekte : SMICYCLES, TORTELLONIS,                         SCHLOTTERCIRCUS

 

1993            Organisation und Tournee mit HEUTE BRAEUTE in CH

 

1994-96       CÎRQU'ENFLEX "Wenn man in einnen Bach pisst weint die Muttergottes", Tournee in CH, D, F

 

1997            CÎRQU'ENFLEX "Zoom", Tournee in F, CH, D

 

1998/99/00 CÎRQU'ENFLEX Freilichtspektakel "Der Mann der Tochter meiner Geliebten", Tournee in CH, D, F

 

2000            Tier/Krieger in "OUTLANDER, Fremdgehen mit Kleist", einer Produktion von GENDERTAINMENT für das Theater Basel           Regie: Tom Ryser

 

2001            CÎRQU’ENFLEX „Gefährliche Spiele“, Tournee in CH,D

 

2002            Technikerin für „cirquenflex.homme“

 

 

 

Franziska Diggelmann geb.1969 in Zürich

 

1986 - 90     Tanzausbildung am ch-tanztheater Zürich

 

1989 - 91     bei TAMUTÉ COMPANY, ZH , Tournee in CH und D

 

1993            Stückvertrag bei MOVERS, ZH "Numen"

 

1994            Eigenproduktion "Last Minute"

 

1995/ '97     ZIRKUS DR. EISENBARTH : Herbst- und Wintertournee mit dem Kindertheater "Magischi Beeri"

 

1996            TEATRO KUNO "Le voyage du petit prince" Tournee in CH und Avignon

 

1997 - 99     ZIRKUS CHNOPF (Artistik, Theater, Musik) Tournee in CH mit Zirkusanimation für Kinder und Erwachsene

 

1999            COMPAGNIE BE WILLIE? "Carmen oder ...“